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Gerissene Schafe und eine Sichtung: Sind Wölfe bei Rheinbach aktiv?

Quelle: Generalanzeiger vom 03.06.2025

Euskirchen/Rheinbach

Der Wolf breitet sich in ländlichen Gegenden wieder aus, in der Voreifel gab es dafür bislang aber nur wenige Hinweise. Vorfälle am Wochenende könnten belegen, dass die Raubtiere auch im linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis Fuß fassen. Aus der Ferne ist zunächst nur ein grauer Fleck im Feld zu erkennen. Als
das Handyvideo näher heranzoomt, wird das Bild deutlicher: Ein hundeartiges Tier sitzt mit aufgestellten spitzen Ohren zwischen den Ähren und lässt den Blick vom linken zum rechten Bildrand und wieder zurück schweifen. Im Bereich der Lefzen hebt sich eine weiße Zeichnung ab. Ein Wolf – jedenfalls dem Augenschein nach. Für den 49-jährigen Jan Peter aus Palmersheim, der von einem Traktor aus filmt, scheint sich der Vierbeiner nicht zu interessieren. Der Frachtpilot ist Landwirt im Nebenerwerb und macht an diesem Samstagnachmittag (31. Mai) eine Probefahrt auf der Monikastraße zwischen Rheinbach
und Palmersheim, als er das Tier etwa auf halbem Wege zu seiner Rechten auf einer Wiese entdeckt. Peter zückt sein Smartphone und schießt ein paar
Fotos.

Nach kurzer Verfolgung gelingt eine Videoaufnahme
Der mutmaßliche Wolf läuft Richtung Rheinbach, im Hintergrund ist auf einem Bild der Ortsrand von Swisttal-Odendorf zu sehen. Peter wendet mit seinem Traktor und nimmt die Verfolgung auf. Der Wolf umrundet einen Hof und überquert dann die Straße nach Süden. Der 49-Jährige biegt in einen Feldweg in Richtung Schornbusch im Rheinbacher Stadtteil Oberdrees ein. Auf einem Getreidefeld am Waldrand gelingt ihm das Video. Am Ende der kurzen Aufnahme setzt der Wolf seinen Weg durch die Fahrgasse genannte Schneise im Feld fort. Zurück in den Wald, vermutet Peter.

„Das war schon respekteinflößend” sagt der Palmersheimer im Gespräch mit dem GA über seine erste Begegnung mit einem Wolf in freier
Wildbahn. „Ich war ganz froh, dass ich auf dem Traktor saß.” Wäre er zu Fuß unterwegs gewesen, hätte er dem Tier eher nicht nachgesetzt, sagt er. Er kenne sich nämlich nicht genug aus, um mögliche Risiken sicher abschätzen zu können. Das Verhalten des mutmaßlichen Wolfes beschreibt er als nicht aggressiv, aber auch nicht besonders scheu: „Von dem laufenden Traktor war der überhaupt nicht beeindruckt und kam auf weniger als zehn Meter heran.” Gedanken
gemacht habe er sich um Schafe, die im Bereich des Hofes grasten.

Ein paar Kilometer entfernt werden Schafe gerissen
Nicht unbegründet, wie es scheint. In Luftlinie etwa sechs Kilometer entfernt – Wölfe können ein Vielfaches dieser Distanz am Tag zurücklegen – findet am nächsten Morgen der Schäfer Georg Bungart (60) aus Bad Münstereifel in der Nähe der Steinbachtalsperre ein grausiges Bild vor. Als er gegen acht Uhr bei
einer seiner Herden eintrifft, fällt ihm sofort auf, dass etwas nicht stimmt. „Die Schafe standen herrenlos in der Gegend herum”, berichtet Bungart. Als Nächstes entdeckt er Blutflecken auf vielen seiner Tiere, und kurz darauf Kadaver. Teils sind nur noch Reste übrig, andere Schafe liegen mit Bisswunden an der Kehle reglos auf dem Boden, zeigen aber keine Fraßspuren. Die Bilanz: acht getötete Schafe und bis zu 30 mit Verletzungen.

Trotz jahrzehntelanger Erfahrung ist diese Situation für Bungart neu. Nach erfolglosen Anrufen bei der Polizei und beim Ordnungsamt landet der Schäfer
schließlich beim zuständigen NRW-Landesamt für Natur, Umwelt und Klima (Lanuk). Ein sachkundiger Mitarbeiter nimmt am Mittag DNA-Proben. Im Labor werde nun untersucht, was für ein Tier tatsächlich für den Angriff auf die Schafe verantwortlich ist, erklärt ein Sprecher der Behörde. Mit einem Ergebnis sei in etwa sechs Wochen zu rechnen. Der Schäfer berichtet, er habe parallel ein privates Unternehmen mit einer Untersuchung beauftragt, das schneller arbeite.


Ein Hund sei das auf keinen Fall, sagt ein Jäger
Das Landesamt warnt vor eiligen Schlüssen und betont, die mutmaßliche Wolfssichtung könne sich als falsch herausstellen und ein Zusammenhang mit den gerissenen Schafen sei derzeit Spekulation. „EinHund ist das auf keinen Fall”, sagt hingegen Jagdvorsteher Willi Heiden aus Palmersheim nach Sichtung des Bildmaterials. Allenfalls ein Wolfshund (siehe Infokasten) komme infrage. Eine weitere Theorie hat der Euskirchener Landwirt Thomas Gräf, der die Aufnahmen vom Wochenende in einer Chatgruppe ortsansässiger Bauern geteilt hatte: Er vermutet, dass es sich um einen Goldschakal handelt. „ Der Wolf hat einen kurzen, kräftigen Schwanz”, erklärt er. Der Schwanz des Tieres auf den Bildern sei eher lang und schmal.

Der Lanuk-Sprecher möchte das nicht ausschließen, macht aber deutlich, dass Sichtungen von Schakalen in Deutschland seltene Ausnahmefälle
sind: „Vereinzelt hat es die auch in NRW gegeben, aber bislang konnte nicht nachgewiesen werden, dass sich einer fest angesiedelt hat.” In jedem Fall würde dies bedeuten, dass seine Behörde nicht weiter zuständig ist. Belege für Schakal-Sichtungen seienfür seine Kollegen fachlich „interessant”, für ein Monitoring wie beim Wolf gebe es derzeit aber keinen politischen Auftrag und kein Geld von der EU.

Wolfsberater haben immer mehr zu tun

Das „,Wolfsmanagement” mache immer mehr Arbeit und bringe die vorhandenen Mitarbeiter und Ehrenamtlichen an ihre Grenzen, kommentiert Markus Wunsch vom Regionalforstamt Hocheifel-Zülpicher Börde im Gespräch mit dem GA. Er ist einer der Wolfsberater, bei dem am Wochenende das Telefon klingelte, zur Steinbachtalsperre gefahren sei schließlich ein Kollege. In seinem Kernzuständigkeitsbereich in der Eifel gebe es inzwischen jeden Tag Wolfsmeldungen. „Dieses Jahr habe ich mir schon über 40 Risse angeschaut. Da ist gerade sehr viel Dynamik drin”, so Wunsch. Landwirt Gräf macht noch auf ein weiteres Problem für Viehhalter aufmerksam: Überreste der von Wölfen gerissenen Wildtiere auf Feldern könnten beim Mähen ins Tierfutter geraten und bei Rindern einen sogenannten Botulismus, eine Vergiftung, bewirken. „, Nach zwei, drei Tagen guckt man den Tieren dann beim Sterben zu”, so Gräf. Darüber werde im Zusammenhang mit dem Wolf zu wenig gesprochen, kritisiert er. Auch Schäfer Bungart ist ungehalten, weil gegen den Wolf zu
wenig getan werde und die Entschädigungszahlung, die er gegebenenfalls pro Schaf erhalten werde, weit unter dem Marktwert der Tiere liege.

Schutzstatus soll herabgestuft werden
Fest steht: Abgeschossen werden dürfen derzeit nur offizielle “Problemwölfe”, die zum Beispiel wegen Verhaltensauffälligkeit als gefährlich für Menschen gelten. Das EU-Parlament hat im Mai mit großer Mehrheit einer Herabstufung des Schutzstatus von „streng geschützt” auf „geschützt” zugestimmt, was eine
kontrollierte Bejagung ermöglichen soll. Die neue EU-Richtlinie muss aber erst noch ins nationale Artenschutzrecht übertragen werden. Dafür haben die Mitgliedsstaaten 18 Monate Zeit. Hintergrund ist die seit der Jahrtausendwende wieder zunehmende Zahl der Wölfe in Europa, der in Deutschland seit rund 150 Jahren als ausgerottet galt. Das sorgt für immer mehr Konflikte mit dem Menschen, vor allem Viehhaltern. Während Wolfsrisse in der Eifel und im Rechtsrheinischen, vor allem im Raum Eitorf, schon seit Jahren festgestellt werden, ist das Phänomen im linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis noch kaum bekannt. Der erste dort dokumentierte Vorfall ereignete sich im Februar 2021, als ein Wolf auf einer Weide bei Dünstekoven fünf Schafe gerissen hat.

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